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Marl

Anfänge mit Buna

Die Standort-Geschichte in Marl beginnt mit dem 9. Mai 1938, als die Chemische Werke Hüls GmbH, kurz: „Hüls“ genannt, gegründet wurde. Diese war zu 74 Prozent in Besitz der I.G. Farbenindustrie AG und zu 26 Prozent in Besitz der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, der Tochter der damals staatlichen VEBA AG. Das Werk wurde zur Herstellung des synthetischen Kautschuks Buna im Rahmen des Vierjahresplans gebaut, der darauf abzielte, die deutsche Wirtschaft für eine kriegstaugliche Produktion vorzubereiten. Im Werk Marl hatten bis 1970 auch alle Abteilungen und Tochtergesellschaften von "Hüls" ihren Sitz.

Errichtung des Werkes, 1939

Der Industriestandort Marl entstand „auf der grünen Wiese“ im nördlichen Ruhrgebiet an der Lippe. Die Entscheidung für Marl fiel vor allem aus wirtschaftsgeographischen Überlegungen. Denn die Bergwerksgesellschaft Hibernia lieferte aus ihren Hydrierwerken Abgase, aus denen im Lichtbogenverfahren unter anderem Acetylen, Ethylen und Wasserstoff gewonnen werden konnte. Diese Verfahrenstechnik hatte die I.G. Farben ab 1928 zusammen mit der US-amerikanischen Standard Oil of New Jersey entwickelt. Der Wasserstoff wurde an das Hydrierwerk Scholven der Hibernia zurückgeliefert, wo er zur Produktion von synthetischem Benzin Verwendung fand. Das Acetylen wurde in einem mehrstufigen Verfahren in den synthetischen Kautschuk Buna umgewandelt und das Ethylen über Ethylenoxid zu Frostschutzmittel weiterverarbeitet.

Der Produktionsbeginn in Marl stand ganz im Zeichen der nationalsozialistischen Autarkie-Politik und des Vierjahresplans von 1936, die darauf abzielten, die deutsche Wirtschaft von ausländischen Zulieferungen weitestgehend unabhängig zu machen und auf eine kriegstaugliche Produktion umzustellen. Für die Mobilität der Wehrmacht war die von Rohstoffimporten unabhängige Kautschuk-Herstellung von größter Bedeutung. Am 29. August 1940 verließen die ersten Buna-Ballen das Werk. Zu diesem Zeitpunkt, nur zwei Jahre nach Gründung der Hüls, waren bereits ca. 3.000 Mitarbeiter überwiegend aus Ludwigshafen, aber auch aus Leverkusen und Schkopau, dem Standort des ersten Buna-Werkes, nach Marl umgezogen. Für sie wurde eigens eine Wohnsiedlung gebaut.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden im Werk Marl zunehmend auch Zwangsarbeiter beschäftigt. Von den durchschnittlich rund 10.000 Menschen, die in den Kriegsjahren im Werk arbeiteten, waren etwa ein Drittel Zwangsarbeiter, vornehmlich aus Osteuropa.

Das Werk verfügte neben einer eigenen Trennkanalisation und Kläranlage auch über ein eigenes Kraftwerk, in dem Rauchgas durch Elektrofilter entstaubt wurde. Fortschrittlich waren dabei das neue Verfahren der Entstaubung der Rauchgase mit Hilfe von Elektrofiltern sowie die Nutzung des Prinzips einer Wärme-Kraft-Kopplung.

Der Krieg und seine Folgen

1943 erreichte der Luftkrieg über Deutschland in ganzer Schwere auch Marl. Ein Tagesangriff am 22. Juni legte das Werk drei Monate still. Am 31. März 1945 besetzten US-amerikanische Truppen den Standort. Zuvor hatte der Leiter der Produktion, Paul Baumann, eine Sprengung des Werkes durch deutsche Truppen verhindern können. Als Teil des I.G. Farben-Konzerns kam Hüls unter Sonderverwaltung der Alliierten, deren Ziel die Entflechtung des Konzerns war. Die Bunaproduktion durfte zunächst fortgesetzt werden, weil das in der britischen Besatzungszone gelegene Werk Marl zu dieser Zeit die einzige unter direkter Kontrolle stehende Kautschukquelle für Großbritannien war, dessen eigene Plantagen in Folge des Krieges in Asien noch nicht liefern konnten.

Die Situation des Werkes bei Kriegsende im Mai 1945 war trostlos. Zwar war es von weiteren Bombenschäden nahezu ganz verschont geblieben, aber es fehlte an vielem, was für eine zügige Wiederaufnahme der Geschäfte nötig gewesen wäre. Es gab keine Verkaufsorganisation und kein Rechnungswesen, keine Forschung und eine nur eingeschränkte Produktion. Die Besitzverhältnisse blieben zunächst ungeklärt und ständig drohte ein Verbot der Buna-Produktion oder, schlimmer noch, die vollständige Demontage der Anlagen durch die britische Besatzungsmacht. Als die Buna-Fertigung wenige Wochen nach Kriegsende wieder anlief, wurde nur noch ein Fünftel der Menge produziert, die das Werk vor Kriegsende hergestellt hatte. Grund dafür waren nicht die relativ geringen Bombenschäden, sondern Probleme bei der Rohstoffbeschaffung.

Der 30. Juni 1948 brachte eine Entscheidung der britischen Verwaltung, die man im Werk schon seit längerem befürchtet hatte: die Buna-Herstellung wurde verboten. Die inzwischen aufgebauten neuen Produktionen, beispielsweise die von Wasch- und Reinigungsmitteln, Farbstoffen und Lösemitteln, konnten die freigewordenen Arbeitskräfte bei weitem nicht aufnehmen. Das Unternehmen geriet in Zahlungsschwierigkeiten, Kredite durften nicht aufgenommen werden. Betriebsbedingte Kündigungen waren die Folge. Mit der „Korea-Krise“ zu Beginn der 1950er Jahre wurde die Buna-Produktion jedoch wieder erlaubt und auch der Absatz weiterer Produkte konnte gesteigert werden, so dass wieder Mitarbeiter eingestellt wurden.

Die Chemische Werke Hüls AG entsteht

Mit der Entflechtung der I.G. Farben und der Gründung der Chemischen Werke Hüls AG am 19. Dezember 1953 begann ein neuer Abschnitt für das Werk. Es wurde zu einem Standort der Grundstoffchemie, besonders auf dem Gebiet der Kunststoffe. So wurde zum Beispiel die Produktion von Polyethylen und Polypropylen aufgenommen. Dazu kam 1958 ein Bunawerk nach neuester Technologie, das als Bunawerke Hüls GmbH zusammen mit den Nachfolgefirmen der I.G. Farbenindustrie betrieben wurde.

Mit den neuen Produktionen stieg auch der Energiebedarf. Deshalb ging 1956 ein weiteres Kraftwerk in Betrieb. Es war das erste Kraftwerk der Welt, das im überkritischen Dampfzustand arbeitete und deshalb einen um ein Drittel höheren Wirkungsgrad der Kohle als herkömmliche Kraftwerke erzielte. Noch heute produziert es Strom für den Standort.

Die 1960er Jahre waren für den Standort Marl zum einen gekennzeichnet durch die Aufnahme innovativer Produktionen in unmittelbarer Regie von Hüls, beispielsweise 1964 die biologisch abbaubaren Waschmittelzusätze. Zum anderen expandierte das Unternehmen durch die Gründung mehrerer internationaler Joint Ventures, so zum Beispiel 1960 mit der Gründung der Katalysatorenwerke Houdry Hüls GmbH und ein Jahr später mit der Faserwerke Hüls GmbH, die zusammen mit der Eastman Kodak ins Leben gerufen wurde.

1975 wurde zusammen mit der US-amerikanischen Firma General Aniline & Films (GAF) die GAF-Hüls Chemie GmbH zur Herstellung von 1,4 Butandiol und Tetrahydrofuran aus Acetylen gegründet. Dabei kooperierten der damalige größte Acetylenerzeuger der Welt, die Chemische Werke Hüls AG, mit dem führenden Unternehmen der Acetylenchemie und -technologie. Es sind Grundstoffe für Polybutylenterephthalat und für Polyurethane, die in der Automobilindustrie, Elektroindustrie und Feintechnik angewendet werden und darüber hinaus als Lösemittel für Zellglas, Druckfarben und Lacke dienen.

Im Januar 1976 ging in Marl eine Anlage für ein innovatives umweltschonendes Produkt in Betrieb, das methyl-tertiär-Butylether (kurz: MTBE), das dem bleifreien Benzin als Ersatz für Bleitetraethyl als Antiklopfmittel zugesetzt wird. Diese Produktion gehört heute zum Evonik-Geschäftsbereich C4-Chemie.

Zum 1. Januar 1979 wurde die Chemische Werke Hüls AG zum Chemiesektor der VEBA AG, dem neuen Alleininhaber der Hüls. Das Werk Marl war größter Standort des Unternehmens, das sich 1985 in Hüls AG umbenannte.

Werk Marl, Luftaufnahme 2002

Neuausrichtung: der Chemiepark Marl

Die 1990er Jahre standen im Zeichen der Reorganisation des Standortes. 1992 wurde die Produktion der Acrylsäure Butylacrylat als Rohstoff für den Superabsorber Favor® aufgenommen. Die Produktion von Polypropylen und Polyethylen wurde dagegen 1993 eingestellt. Zur Herstellung und Vermarktung von Polyvinylchlorid (PVC) wurde 1995 die Vestolit GmbH gegründet, die als eigenständige Firma arbeitet. Die traditionsreiche Bunaproduktion ging 1994 an Bayer, die die Fertigung am Standort weiterführte. Schließlich wurde 1998 der Standort Marl als „Chemiepark Marl“ organisiert. Die Styrolproduktion und Tensidproduktion wurden in Tochterfirmen ausgegliedert, die an BP, bzw. Sasol verkauft wurden. Nach und nach wurden die Katalysatorenwerke Hüls und die Anteile an der GAF-Hüls Chemie GmbH veräußert. Auch sie blieben unter anderem Namen in Marl.

Von der neuen Degussa zum Geschäftsfeld Chemie der Evonik Industries

Der Hüls verbliebene Anteil der Produktion, namentlich die von Polyamid und MTBE, kam über die Degussa-Hüls zur neuen Degussa AG. Sie wurde 2007 als Degussa GmbH zum Geschäftsfeld Chemie der Evonik Industries, für die heute am Standort Marl rund 7.000 Mitarbeiter tätig sind.

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